Gegen Förderwahn in der Erziehung - (Über)förderung - (über)fordert
Realistische Sicht:
Gegen den Förderwahn in der Erziehung
Auf großes Interesse stieß der Info-Abend „Wieviel Ehrgeiz verträgt eine gute Erziehung?“ Zu diesem Abend der Kath. Erwachsenenbildung im Pfarrheim hatte der Pfarrgemeinderat den Pastoralreferenten Andreas Dandorfer eingeladen. Dandorfer ist Leiter der Fachstelle Ehe und Familie der Diözese Regensburg. Kirchenpfleger Willibald Schötz begrüßte unter den Zuhörerinnen auch viele, die beruflich in Bildung und Erziehung tätig sind.
Damit sich Kinder vom ersten Lebensjahr an im Lauf der Zeit zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können, sind sie auf Wärme und Zuneigung ihrer Eltern und Erzieher angewiesen, aber auch auf verantwortungsbewusste Lenkung. Sie durchlaufen viele Stadien, in denen sie sich von Mutter und Vater abnabeln und ihrer Neugier folgen, wie es das „Hänschen klein“ anschaulich besingt: Ging allein, Stock und Hut (stützende und schützende Hilfen), ist wohlgemut, erobert sich Schritt für Schritt die Welt. Aber Mutter weinet sehr: Eltern schmerzt es, aber ein Kind braucht Freiheit, um einmal auf eigenen Füßen zu stehen.
Immer wieder erzählte Dandorfer von seinen zwei Töchtern, bei denen er genau das beobachten konnte und erkennen, wie er und seine Frau sich im Lauf der Jahre ein „magisches Dreieck“ erarbeiteten: Die elterliche Wertschätzung, in der ein Kind Herzenswärme und Geborgenheit findet; aber auch fordern und Grenzen setzen und statt der Überbehütung das Gewähren von Eigenständigkeit, in der ein Kind Freiräume nutzt, um Zutrauen zur eigenen Kraft und Mut zum Risiko zu entwickeln. Dandorfer: „Die Zaubermischung für die beste Form der Erziehung, die wir heute kennen.“
Er ging auch auf die Flut von gedruckten und digitalen Erziehungs-Ratgebern ein, die viel Verwirrung stiften können und Eltern ein schlechtes Gewissen einreden, wenn sie nicht ihren Kindern eine bis zur letzten Freizeitminute durchgetaktete To-do-Liste verordnen, um möglichst viele Angebote der Frühförderung, Freizeitgestaltung, Sport, Ballett, Musikunterricht und weiterem mitzunehmen. Als wohl schlimmstes Beispiel nannte er eine Tracker-App, in der die genervte Mutter minutiös alles einträgt, was so ein Baby zu sich nimmt und von sich gibt, man dann alles statistisch ausgewertet wiederfindet – zum Haare raufen, völlig sinnlos und vertane Zeit.
Kritisch befasste sich Dandorfer auch mit der Frühförderung wie Englisch im Kindergarten, mit Nachhilfe nicht um schlechte Noten zu verbessern, sondern um gute Noten noch zu optimieren und Kinder im Hamsterrad der guten Absichten zu überfordern. So habe der Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann auf seinem Buchtitel gerufen: „Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn“. Es gelte, im Bild der Waage die Balance zu finden zwischen Stressfaktoren und entlastenden Faktoren und der Fähigkeit zur Bewältigung von Herausforderungen.
Eindrucksvoll auch die kurzen Filmsequenzen mit Kindern, die von zu hohen Erwartungen der Eltern und Versagensängsten bei Schularbeiten geplagt werden. Dandorfer: Alles zu seiner Zeit, alle Möglichkeiten nutzen, damit Kinder ganzheitlich und mit möglichst allen Sinnen lernen können, dem Kind nach und nach Verantwortung übertragen, es an seinen Leistungen wachsen lassen, Misserfolge als Chance zu nutzen, um aus Fehlern zu lernen.
Mit Beifall dankten die Zuhörerinnen für die anschaulichen und hilfreichen Ausführungen. Im Namen des Pfarrgemeinderats überreichte Willibald Schötz an Andreas Dandorfer ein Honig-Präsent aus Sonja Pfeffers Imkerei.
Fotos und Text: Hans Weiß